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Er lebt für die Arbeit

Grosswangen Lukas Hodel hat barfuss in der Garage der Eltern schweissen gelernt, sein Lehrlingsgeld für Maschinen ausgegeben und mit 20 Jahren eine eigene Motorradwerkstatt eröffnet. Der WB hat sich mit ihm getroffen.

Alle Interviewfragen sind gestellt. Die Antworten notiert. Gibt es noch Anmerkungen? Lukas Hodel stellt die Kaffeetassen in den Spültrog, zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in die Werkstattluft, überlegt. «Ja», sagt er schliesslich. «Ich möchte keine Lobesworte über mich lesen. So was ist mir unangenehm!» Das ist nichts Neues: In den vergangenen knapp zwei Stunden hat er das immer wieder klargemacht. Sachlich, ja fast nebenbei, berichtete der 24-Jährige, wie er vor fünf Jahren die Grundsteine für seine Motorradwerkstatt «Vintage Workshop GmbH» legte. Trotz den bescheidenen Worten wird klar: Hier ist viel Herzblut im Spiel, Können und jede Menge «Büetz».

Lukas Hodel, 24, ist seit gut vier Jahren Inhaber einer eigenen Motorradwerkstatt. Foto Sandra Oberer Fotografie

Vom C-Schüler zum Klassenbesten
«Wieso?» Diese Frage treibt Lukas Hodel seit jeher an und sie tut es immer noch. «Schon als kleiner Junge wollte ich immer wissen, wie und wieso eine Maschine läuft.» Oder wieso eben nicht. Dafür hatte er schon früh oftmals die richtige Lösung bereit: Zu Töfflizeiten flickte er die Zweiräder seiner Kumpels, später die Roller und 50er-Töffs. Lernte schweissen. «Barfuss!», so Hodel und lacht über die Erinnerung. Er zerlegte alles, um die Mechanik davon zu begreifen. «Damals habe ich auch viel kaputt gemacht – aber so konnte ich dazulernen.» Der Weg nach der Sekundarschule schien klar: Er bewarb sich als Motorradmechaniker. «Als C-Schüler war das allerdings nicht einfach.» Wer Töffmech werden will, muss vielerorts mindestens die Sek B abgeschlossen haben. «E riese Seich», findet Hodel noch heute. «Der Wille ist das Wichtigste. Wenn man etwas von ganzem Herzen will, dann kann man es auch.» Den Beweis lieferte er: In seiner Lehrzeit als Töffmech bei der Hostettler AG in Sursee war er durchgehend Klassenbester. «Es hat mich einfach interessiert. Ich kann mich nicht erinnern, je für einen Test gelernt zu haben.»

Arbeiten bis nach Mitternacht
Zeit dafür hätte er so oder so keine gehabt: Hodel arbeitete jeweils bis nach Mitternacht. Am Tag für seinen Lehrbetrieb, nach Feierabend an privaten Aufträgen. «Ich habe mir die Hände nach Arbeitsende in Sursee nicht mehr gewaschen – die wurden ja eh gleich wieder schwarz.» Bald reichte ihm der Platz nicht mehr aus. Zusammen mit zwei Kollegen mietete er 2015 eine kleine Halle im Ruswiler Gewerbegebiet. Das Trio gab sich den Namen, der Lukas Hodel bis heute beibehalten hat: «Vintage Workshop». Jeder verdiente Franken investierte er in neue Maschinen, in eine zusätzliche Schweissanlage, in weiteres Werkzeug. Am Ende seiner vierjährigen Lehre hatte er alles, was es braucht, um sich selbständig zu machen. Denn obwohl er nur positiv von seiner Lehrzeit spricht – «Die Hostettler AG ist eine tolle Firma, ich hatte einen super Chef und viele Freiheiten» – so war für ihn seit jeher klar: Er will sein eigener Boss sein. «Ich will das tun, was ich im Kopf habe. Ich mag nicht, wenn mir vorgegeben wird, wie ich etwas zu machen habe.» Er sehe das oft bei älteren Menschen. «Sie sind festgefahren. Sagen ‹schau, so musst du das machen›. Nur weil sie es immer so gemacht haben, heisst es nicht, dass es nicht auch anders geht. Es gibt nie nur einen Weg.» Lukas Hodel jedenfalls, er geht seinen eigenen Weg.

Viele helfende Hände
Im März 2017 gründete er offiziell seine eigene GmbH, kaufte die Anteile seiner Kollegen ab und einigte sich mit ihnen, dass er das Logo beibehält. Er mietete auch das erste und zweite Obergeschoss der Halle. Setzte sich mit Buchhalter, Notar, Versicherungsleuten zusammen. Baute die Halle um, Zwischenboden, Fahrzeuglift, Luft- und Wasserleitungen, «da muss man an einiges denken.» Die Möbel im Vintage-Stil – Tische, Bänke und Schränke – hat er selbst angefertigt. Parallel dazu: die Rekrutenschule. Vater, Bruder, Kollegen packten mit an: «Ohne ihren Support wäre das alles sicher nie so zackig gegangen.» Einen gros­sen Dank will er an dieser Stelle auch seiner Freundin Daniela aussprechen: «Sie ist stark und hat viel Verständnis dafür, wenn ich einmal wieder bis spät in die Nacht arbeite.» Vis-à-vis von dem Vintage Workshop befindet sich «Hugo’s Garage». Hugo Wermelinger, ebenfalls ein Grosswanger, unterstützte den jungen Firmeninhaber von Anfang an tatkräftig. «Bis heute kann ich mich mit jeder Frage an Hugo wenden.» Beim Eintreffen am Morgen in Ruswil gibt es als Allererstes einen Kaffee mit dem Team des Fahrzeugunterhalt-Unternehmens. «Wir sind wie eine Familie hier.»

Keine gewöhnliche Töffwerkstatt
Der junge Geschäftsinhaber erlebte bei seinem Start einige lustige Momente. «Es ist schon ein paarmal passiert, dass jemand in die Bude kam und bei mir nach dem Chef verlangte.» Lukas Hodel lacht, streicht sich über den blonden Bart und sagt: «Mittlerweile sehe ich zum Glück nicht mehr aus wie ein Stift.» Ansonsten sei das Geschäft reibungslos angelaufen: «Es fühlte sich gar nicht wie ein Neubeginn an, schliesslich habe ich schon vorher immer hier gearbeitet.» Allgemein sei er einer, der sich eher weniger erhoffe, um nicht enttäuscht zu werden. «Und was das Geld angeht: Ich war mir ja sowieso nur einen Lehrlingslohn gewohnt – dann ist man schnell zufrieden.» Lukas Hodel investierte das Geld bald in weitere Maschinen, baute seinen Fuhrpark aus: drei Standbohrmaschinen, zwei Drehbänke, eine Fräsmaschine, eine vertikale Bandsäge, zwei Kreissägen, eine Rohrbiegemaschine, eine Blechschere, eine Sickenmaschine, eine Graviermaschine, einen Polierhammer und eine Abkanntbank beinhaltet dieser mittlerweile unter anderem. Fast die ganze Mechanik an einem Motorrad kann er selbst herstellen. Lukas Hodel hat sich dieses Handwerk selbst beigebracht. Denn: Das ist alles andere als gewöhnlich für eine Töffwerkstatt und ermöglicht ihm, anspruchsvolle Umbauten selbst in die Hand zu nehmen. «Das ist es, was mir Freude macht.» Er will möglichst viel selbst verstehen, selbst machen und nicht «für jeden Gugus» auf jemand anderen angewiesen sein. «Noch heute kaufe ich mir irgendeinen alten Töff, nehme alles auseinander und mache ihn mit eigenen Teilen wieder funktionstüchtig.» Lukas Hodels Augen leuchten, man merkt: Dafür brennt er. Manchmal stehe er neben einem Umbau von einem Kunden und denke: «Es esch jo scho verrockt, dasi Gäud bechome för öbbis, woni ou i minere Freiziit wörd mache.» Berechnen könne man dem Kunden natürlich nicht jede Stunde Aufwand, «sonst könnte man das nicht mehr bezahlen.» Aber ihm sei das Endresultat wichtiger. «Ich will korrekte, ehrliche Arbeit verrichten», so Lukas Hodel.

Der Sieg an der Swissmoto
Der Aufwand wurde belohnt. So hat er mit seinem Mitarbeiter Sandro Arnold mit einer selbst umgebauten Harley Davidson einen angesehenen Sieg an der Swissmoto 2019 in der Kategorie Oldschool/Classic eingeheimst. Mehr will Hodel darüber nicht erzählen, denn «davon musst du nichts erwähnen.» Kurz gegoogelt, erscheint ein Artikel der Surseer Woche: «Von der Motorradszene gab es grosse Anerkennung für diesen prestigeträchtigen Erfolg. Für Sandro Arnold und Lukas Hodel brachte ihr Sieg die Gewissheit, dass sie mit ihren Visionen Bikes bauen, die Laien und Experten weit über die Grenzen von Ruswil zu begeistern wissen», steht in dem Zeitungsartikel. Das ist doch eine tolle Sache, oder? Lukas Hodel schüttelt nur den Kopf. «Mir ist einfach nicht wohl bei all dem Lob.» Er mag es nicht, im Rampenlicht zu stehen. Lieber kniet er irgendwo in seiner Werkstatt und schraubt an einem Motorrad herum. Mit schwarzen Händen und leuchtenden Augen.

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