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Ich will einen QE65Q6FN-TV

Drei Funken. Mit drei kleinen Funken verabschiedete sich unser Fernseher vom Leben. Er starb genau in dem Moment, als Michael Schumacher mit seinem Ferrari in die 66. Runde schoss. Grand Prix 2003 in Österreich. Für mich damals einfach nur: Autorennen. Ich sass Chips knabbernd auf dem Sofa, trug meine Lieblingspyjama­hose mit hippem Eisbären-Print und fand mich recht erwachsen, wie ich da mit meinem Papi so «Motorensachen» schaute. Das waren noch Zeiten. Zeiten, in denen Schumi noch im Rennen und die Miss-Schweiz-Anwärterinnen schön waren. Zeiten, die mit den drei Funken ein abruptes Ende fanden.

«Ein neuer Fernseher muss her», waren sich meine Eltern einig, «gleich nächste Woche». Mittlerweile sind 16 Jahre vergangen. Ohne Fernseher, dafür mit gefühlt 4321 Büchern und 1276 Comics (es lebe Asterix und Obelix!). Vornweg: Ich habe überlebt. Tatsächlich, es geht auch ohne. Aber es war nicht einfach. Die Gummibärenbande, Hannah Montana, SpongeBob – ich lernte sie nie kennen. Ich konnte keinen Lieblingsspruch von Dieter Bohlen zum Besten geben, ich hatte keine Ahnung, wem Heidi Klum kein Foto gegeben hat, ich wusste nicht, ob die Zeiten momentan gut oder schlecht waren. Ich konnte nie mitreden. Ich war eine Aussenseiterin. Bin es immer noch. Ich beschloss, das zu ändern, ackerte mich durch einen Media-Markt-Katalog und bestaunte riesige Fernseherscheiben. Mein Favorit hat einenklingenden Namen: QE65Q6FNTV. Seine Eigenschaften: 65 Zoll, UHD 4K, LCD/QLED. So einen will ich jetzt auch.

Dachte ich. Bis ich vor Kurzem im Zug sass, Strecke Willisau–Luzern. «Geile Brüste», habe sie, die neue Bachelorette. Der Mann in meinem Alter zeigt seinen beiden Kolleginnen ein Bikini-Foto. «Brüste, Lippen – die hat doch alles gemacht», entgegnet die eine. «Zeig mal die Kandidaten», fordert die andere. Maori-Tattoos, angespannte Bizepse und zu viel Haargel – nach 21 Fotos kommen die Frauen zum Urteil: Alex B. ist zwar «echt herzig, vor allem sein Lachen», die Daumen drücken sie ab dem 29. April auf 3+ aber trotzdem lieber dem «Männlichen, dem Beschützertypen» Cedric.

Meine Erkenntnis nach dieser Zugfahrt:
Ich will keinen Fernseher.

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