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Er ist endlich angekommen

Grosswangen Zunftmeister zu sein bedeutet für Hans Thalmann nicht nur Konfetti und Kafi mit Göggs. Der Meistertitel ist ein Symbol dafür, dass er nach bewegten Jahren endlich Beständigkeit gefunden hat. Ein Zeichen dafür, das es sich lohnt, nicht aufzugeben.
Hans Thalmann und Jacqueline Meyer. Foto Chantal Bossard
 

Hans Thalmann zögert. Nicht lange. Dann nickt er. «Doch», sagt er, trinkt einen Schluck Kaffee, stellt die Tasse entschieden auf den Küchentisch und sagt nochmals, etwas lauter: «Doch, darüber darfst du schon schreiben.» Über Scheidung, Sorgen, Schnaps. Über schwierige Zeiten. «Ich stehe dazu.» Der 57-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund – auch nicht, wenn es um ein Zunftmeister-Porträt für die Zeitung geht. «Klar könnte ich jetzt alles schön reden, aber was bringt mir das?», fragt er. «Ich bin umso stolzer auf das, was ich heute habe.» Ein eigenes Geschäft. Eine stabile Ehe. Ein beständiges Zuhause.

Alles und nichts

Dass all das für Thalmann nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick in seinen Lebenslauf. Etwa zwölf Mal hat er bereits sein gesamtes Hab und Gut zusammengepackt, istumgezogen. Von Langnau nach Marbach nach Eschholzmatt nach Linthal, Scheidung der Eltern, Umzug mit seiner Mutter nach Matzingen. Dort, in der Ostschweiz, beendet er die Schule. Hans heisst mit zweitem Namen Jost, seine Gspändli nennen ihn «Jogi», er fühlt sich wohl, zuhause. Nicht lange – Umzug nach Ruswil. Er lernt Koch im Eigental – «ein knüppelharter Job». Nach der Ausbildung arbeitet er in Willisau und in Sursee in der Küche. Als er mit 24 Jahren Vater wird, hängt er die Kochschürze an den Nagel. «Auf einmal musste ich eine Familie ernähren.» Der Lohn in dieser Branche sei zu niedrig gewesen, die Arbeitszeiten nicht familienfreundlich. In der Folge nimmt er jeden Job an, der diesen Kriterien entspricht. Kran­führer. Käsepfleger. Schreinergehilfe. Lagerist. Techniker. «Und weisst du was? Als Bub wollte ich immer Pfarrer werden», sagt er. Lacht lauthals, als er den verblüfften Blick seiner Frau Jacqueline Meyer neben sich am Küchentisch sieht. «Nicht wahr?», fragt sie. «Das ist mein heiliger Ernst», bestätigt ihr Mann, noch immer lachend. Die «Kraft» in den Kirchen sei für ihn immer etwas Besonderes gewesen – «speziell dann, wenn gesungen wird». Seine Frau, die als Präsidentin des Gemischten Chors Grosswangen amtet, freuts: «Deshalb kommst du also so gerne an unsere Konzerte.»

Schwierige Zeiten

Schnell wird die Stimmung in der Blockwohnung, Badhus 3D, wieder ernst. Zwischen Lagerist und Techniker: ein schwieriges Kapitel. Nach der Scheidung mit seiner Exfrau verliert Hans Thalmann «de Bode onder de Füess». Er lebt in Einzimmerwohnungen in Knutwil und Schötz. Hat für seine mittlerweile zwei Kinder zu zahlen. «Manchmal hatte ich für die Woche nur einen Fünfliber», sagt er. Ab und zu, da ist er verzweifelt, «e chli verlore». Dann ertränkt er seine Sorgen. Aber nicht lange. Nach einem halben Jahr Frust fängt sich Thalmann wieder. «Es esch normal, mou ufd Schnorre z flüge», sagt er. Wichtig sei es jedoch, wieder aufzustehen, weiterzumachen, nicht aufzugeben. Und das hat er geschafft. Auch mithilfe seiner jetzigen Frau Jacqueline Meyer. In der Zeit, als Hans Thalmann als Lagerist bei Ottos arbeitete, machte sie dort die KV-Lehre. Rund sechs Jahre später trifft ersie bei einem Einkauf im Ottos wieder, sie arbeitet an der Kasse. Ein, zwei Einkäufe später folgt ein Spaziergang. Sie werden ein Paar. 2005 beziehen sie die Wohnung im Badhus 3D – zu dritt. Denn Jacqueline bringt Tochter Ladina (heute 18) mit in die Beziehung. «Uns gibts nur im Doppelpack», habe sie ihm von Anfang an klar gemacht. Er hat das akzeptiert. «Ladina ist wie eine Tochter für mich», sagt er. 2009 heiraten Jacqueline Meyer und Hans Thalmann.

Taten statt Worte

Chrampficheib. Macher. Büetzer. Wie auch immer man Menschen wie Hans Thalmann nennen will, klar ist: Taten sind wichtiger als Worte. Gelegenheiten werden beim Schopf gepackt. So auch, als er an einem Sonntag bei einer Töffausfahrt die Tafeln in Schenkon erblickt. Schmid Immobilien AG. Ein neuer Wohnblock ist geplant. Hans Thalmann kommt die zündende Idee: Hauswart. «Das wär doch was für mich», denkt er. Er wählt die Nummer des Immobilien-Geschäfts, stellt sich vor, schildert seine Idee. Der Wohnblock wird gebaut, er hört lange nichts mehr. Dann der Anruf: Thalmann wird zu einem Gespräch eingeladen. «Wieso glauben Sie, dass Sie der Richtige für einen Hauswart-Job sind?», fragen sie ihn. «Weil ich sowohl mit links als auch mit rechts einen Nagel gerade einschlagen kann», antwortet er. Das überzeugt: Er hat den Job. Bereits nach kurzer Zeit folgen weitere Angebote. Bald arbeitet er zu hundert Prozent als Abwart. Doch auch das reicht bald nicht mehr – Jacqueline Meyer kündet ihren Job als Verkäuferin, hilft mit. «Wieso kannst du das?», fragen ihn die Leute. Worauf er antwortet: «Ich mache einfach.» Trotzdem beginnt er2012 noch eine Ausbildung zum Hauswart. Nebst der Arbeit geht er montagabends und samstags im Berufsbildungszentrum Willisau zur Schule. 2014 schliesst er die Ausbildung mit dem Eidgenössischen Diplom ab . «Das war eine happige Zeit.» Vor allem auch deshalb, weil er 2013 zusammen mit Jacqueline sein eigenes Geschäft «J. + H. Thalmann Hauswartungen» gründet. «Met nüd» hätten sie angefangen. Ein alter Toyota als Dienstfahrzeug – «es chlises blaus Trockli, es paar Lömpe im Gepäck, jesses, weni höt dra dänke». Heute haben sie Anhänger, Rasentraktoren, ein Vollzeit- und zwei Teilzeit-Angestellte. Im Rottal, Seetal und Surental sind sie dank dem grossen grellgrünen Dienstbus wohl bekannt.

Mehr als nur ein Titel

Dass Hans Thalmann heute so weit ist, das hat er auch seinem Beitritt 2012 in die Grosswanger Söilizunft zu verdanken. Bänker, Geschäftsführer, Garagist: Die Zünftler kommen aus den verschiedensten Bereichen. «Sie beantworteten mir meine Fragen, waren für mich da.» Und eben das mache für ihn auch die fünfte Jahreszeit aus: «Fasnacht bedeutet nicht nur Konfetti und Guuggenmusig.» Hans Thalmann spricht von Vielfalt, Zusammenhalt – «wie in einer Familie». Dass er heuer die Söilizunft durch die Fasnacht führen darf: «eine ausserordentliche Ehre». Er freut sich auf die Besuche im Altersheim und Kindergarten, auf den Umzug in Ettiswil, er ist dankbar für die vielen Glückwünsche, Karten und Geschenke. Aber: «Zunftmeister zu sein ist mehr als nur ein schönes Privileg.» Der Meistertitel ist für ihn ein Symbol dafür, dass er endlich angekommen ist.

 

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