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Carte Blanche – Blutiger Daumen und offene Augen

Rot auf weiss. Blut auf Küchenpapier. Zu laut zu Elvis Presley mitgesungen, zu wenig auf die Finger geschaut und zack, statt das Rüebli hab‘ ich meinen Daumen erwischt. Verflucht! In weniger als 20 Minuten kommen meine Kolleginnen zum traditionellen Neujahrs-Risotto. Wir essen, trinken und schreiben uns auf Zettel, was wir uns fürs neue Jahr vornehmen. Aber jäno, jetzt muss das Risotto warten. Unentwegt tupfe ich frisches Rot von meinem Finger. Während das Blut über den Daumen rinnt, betrachte ich meine Hand.

Der Daumen: wohlgenährt und weise, auf Abstand. Ganz klar der Boss, obwohl momentan etwas lädiert. Jetzt müssen die anderen vier Finger dran glauben. Die Arbeiter. Der kleinste Finger: der Praktikant. Er kann nicht viel, würde aber fehlen. Es folgt der Ringfinger. Die Zicke im Geschäft, etwas eitel, überschätzt. Wird zurechtgewiesen vom stellvertretenden Chef, dem Mittelfin­ger, harsch im Umgangston. Er ist der längste Finger und der frechste. Der Zeigefinger, vierter von links, weiss viel, kann viel, ist der Streber der fünf. Faszinierend so eine Hand. «Das Greiforgan der oberen Extremitäten eines Menschen» hat laut Wikipedia acht Handwurzelknochen, fünf Mittelhandknochen und 14 Fingerknochen. 27 Knochen und Knöchelchen, verbunden mit Gelenken, Bändern, Muskeln, überzogen mit Haut. Daumen, kleiner Finger, Ringfinger, Mittelfinger, Zeigefinger. Einzeln nicht zu gebrauchen, können sie als Hand tippen, tasten, streicheln, fühlen, pressen, winken, reden, schlagen, drücken, klatschen, kratzen, greifen.Meine Hand wird feucht, wenn ich aufgeregt bin. Zittert, wenn ich Angst habe. Ballt sich zur Faust, wenn ich wütend bin. Meine Hand weiss, wie sich die Tasten eines Saxofons anfühlen, wie viel Salz sie in das kochende Pasta-Wasser streuen muss und wie sie ein Rüebli zu schneiden hat. Und eben auch wie es ist, statt das Rüebli einen Finger zu erwischen.

Zwei Stunden später. Der Daumen hat aufgehört zu bluten, das Rüebli-Risotto ist gegessen, meine Kolleginnen schauen mich gespannt an. Sie wollen wissen, was ich als Neujahrsvorsatz auf meinen Zettel geschrieben habe. Laut lese ich vor: «Augen auf und dankbar sein – sei es auch nur für zwei gesunde Hände.»

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