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Ein schräger Vogel hat im Änziloch eine Hütte gebaut

Region Der gebürtige Menzberger Franz Vogel hat im Änziloch eine Hütte gebaut. Illegal. Was ist das für ein Ort, der es wert ist, Gesetze zu brechen? Wer ist dieser Mann, der für rote Köpfe sorgt und seine Gedanken schwarz auf weiss in Büchern festhält?
Franz Vogel und das Gästebuch, welches er bei seiner Hütte im Änziloch deponiert hat. Fotos Chantal Bossard
 

Auf dem Kiesweg hinter dem Bauernhof Hapfegg und den rostigen Landmaschinen schnürt Franz Vogel (57) seine Wanderschuhe. Ein Rabenvogel kräht, aus der Ferne ist das rhythmische Schlagen einer Axt zu hören. Der Wind hat gedreht und den Nebel vertrieben. Der Mann mit dem wilden Blick weiss: Hier, am Hang des Änziloch, kommen und verwehen die Geister. Hier, im Niemandsland, herrschen andere Gesetze.

Märchenhaft

Nur wenige Schritte später verschwindet der Himmel hinter einem Blätterdach. Einzelne Sonnenstrahlen tänzeln durch das dürre Laub, streicheln das dunkelgrüne Moos, ruhen auf rauen Baumrinden. Franz Vogel, grosse Schritte, schaukelnder Gang, redet. Ununterbrochen. Er erzählt von einem besonderen Ort, vom Ziel dieser Wanderung, vom Änziloch. Von der Hütte, die er dort errichtet hat und vom Brandstifter, der sie wieder abfackelte. Er beginnt mit der Zerstörung.

Lichterloh

Ein Kanister Benzin, eine Schachtel Streichhölzer. Und schon brannte sie, die kleine Holzhütte im Änziloch, lichterloh. Das war am 15. April dieses Jahres. Franz Vogel entdeckte den Brand drei Tage später. Er glaubt den Brandstifter zu kennen. Er nennt einen Namen, redet von Vergeben, flucht über Gesetze, vergibt den Gesetzen und flucht dann über jenen, dem er vergeben hat. «Schwierig», sagt er schliesslich, verwirft die Hände, atmet tief durch. «Schwierig.» Vogel stellt Fragen. Wieso ein solch besonderer Ort keine Unterkunft haben darf. Wieso die Behörde so ist, wie sie ist. Wieso es illegal sein muss, im Änziloch eine Hütte aufzustellen. Und obwohl ihm klare Antworten fehlen, hat er weitergemacht im Änziloch. Er habe «e sture Grend», sagt Vogel und tippt sich an den Kopf. Schweift an dieser Stelle kurz ab, sinniert über Leben, Sein und Sterben Jesu. Erklärt wie er zum Agnostiker wurde, dass er Aurabilder erstelle und bei sich zuhause in Littau eine Lebensschule führe. «Ich bin Hausmann, habe alle Zeit der Welt, mich mit dem Leben auseinanderzusetzen.» Und Zeit, die verkohlten Überreste der Hütte wegzuräumen, neue Baumstämme zu sägen, ein Blechdach zusammenzuschrauben. «Jesus ist in drei Tagen wieder auferstanden, ich habe in drei Tagen eine neue Hütte im Änziloch gebaut.»

Die Hütte im Änziloch.
Abgrundtief

Der Waldweg endet. Rechts geht es senkrecht in die Höhe, links senkrecht in die Tiefe. Was nun? Franz Vogel steuert eine unscheinbare Lücke am Wegesrand an, hebt einen Ast in die Höhe, zwei Wimpernschläge später ist er verschwunden. Der Weg führt im Zickzack in den Abgrund, schmal, lose, mit Laub bedeckt. Ein falscher Tritt kann hier Leben kosten. Einmal stolpern würde reichen – man würde versuchen sich festzuhalten und nichts zu fassen kriegen, man würde gegen Bäume prallen und trotzdem keinen Halt finden, man würde irgendwo unten im Loch still liegen bleiben und niemand könnte die Schreie hören. Staatswald, Niemandsland.

Unberührt

Ein jungfräulicher Flecken Erde: «Den habe ich damals gesucht», sagt Vogel. Es war im Herbst 1999 und Franz Vogel mitten in London. Ein Wochenendausflug zwischen Menschenmassen, Verkehrslärm und Häuserschluchten. Diese extreme Existenz-Dichte liess ihn gedanklich nach dem Gegenteil suchen. Als gebürtiger Menzberger hat er schon viele Geschichten über das Änziloch gehört. Unerklärliches. Unheimliches. Unglaubliches. Vogel war überzeugt: «Irgendwo in diesem Loch liegt mein Ort.» Im folgenden Sommer machte er sich auf die Suche. Zelt, Schlafsack und Taschenlampe im Gepäck. Kein Essen, kein Trinken, nur ein Plan: Selbsterfahrung.

Diese Tierschädel hat Franz Vogel bei Spaziergängen im Änziloch gefunden.
Unscheinbar

«Sei bereit für dein nächstes Wegstück, es ist nicht leicht, ich wünsch dir Glück. So gehe in Frieden mit all diesen Geistern, lass dich nicht stören, du wirst es meistern.» Bunte Verzierungen umgeben auch diese Zeilen. Die Holztäfeli mit den Gedichten hat Vogel in regelmässigen Abständen am Wegesrand angebracht. Dieses «nächste Wegstück» soll das Letzte sein. Einmal über den Bach, vorbei an der Höhle, hinter hohen Fichten. Da steht sie auf Staates Grund, klein und unscheinbar, die Hütte, die für rote Köpfe sorgt. Ein Herz aus Holz hängt am Eingang, der Wind dreht es im Kreis. Wie immer schaut Franz Vogel als Erstes in das gelbe Gästebuch, das er in einer alten Cornflackes-Büchse deponiert hat. «Neue Gäste», sagt er erfreut. Die Änzilochmannen der Willis­auer Karnöffelzunft waren vor Ort.

Zwiespältig

«Als ich das allererste Mal hier ankam, war mir, als hätte ich eine göttliche Botschaft erfüllt», sagt Franz Vogel, legt das Buch zurück in die Büchse und fährt mit der Hand über das braune Blechdach. «Meine Gedanken öffneten sich bis hin zum Universum und wieder zurück.» In den folgenden zehn Jahren verbrachte er rund drei Nächte pro Jahr an diesem Ort – bei Schnee und Gewitter, bei Sonnenschein und Gluthitze. Bereits nach zwei Jahren begann er eine Hütte zu bauen. «Franz von Assisi, sagt dir das was?», fragt er plötzlich. EinHeiliger, der mit dem Reichtum seines Elternhauses brach, seine eigenen Regeln aufstellte. «Früher Assisi, heute Vogel?», fragt er. Die Reporterin gibt keine Antwort, sondern stellt Fragen. Wieso braucht es eine Hütte, an einem Ort, der sich durch das Fernbleiben der Zivilisation auszeichnet? «Das Änziloch ist etwas ganz Besonderes, an dessen Energie sollen alle teilhaben können.» Und dazu braucht es eine Hütte? «Wenn es ein Ort verdient, dann das Änziloch.» Aber machen Besucherströme die Besonderheit nicht kaputt? «Das Leben ist voller Widersprüche.» Franz Vogel hat eine Broschüre mit seiner Geschichte zum Änziloch geschrieben und fragt darin: «Zu welchem Sinn und Zweck darf der Mensch diesen besonderen Ort benutzen?»

Die Holzstühle hat Franz Vogel selbst gebaut.
Verloren

«Wie viel Zivilisation darf sein, wie viel Natur muss wo bleiben?», fragt er, als er die mitgebrachten Paprikachips in ein Tupperware leert und auf ein ­Holztischli stellt. Auch nach einem Schluck selbstgebrautem Menz­berg-Geist-Schnaps bleibt die Antwort aus. Franz Vogel schiebt sich die Brille hoch, richtet seine braune Schirmmütze. Richtig lange Haare habe er vor Kurzem noch gehabt, als er in einem Projektchor mitspielte. Er erzählt, verliert den Faden, «ich werde alt» und lacht. Hinter der Hütte etwas um die Ecke ragt eineFelswand in die Höhe. Drei markante Risse formen Augen und Mund. «Das ist der Änzilochgeist.» Kichern. Rucksack packen. Rückweg. Bevor das Häuschen aus dem Blickfeld verschwindet, dreht sich Vogel noch einmal um. «Für mich ist dieses Kapitel hier im Änziloch nun eigentlich zu Ende», sagt er.

Der „Änziloch-Geist“.
Nimmermüde

Am gleichen Abend folgt eine E-Mail von ihm: «Hoi Chantal, wenn ich darüber nachdenke, könnte ich mich noch stark machen für eine offizielle Bewilligung einer Hütte an diesem Ort! Dies wäre wirklich ein grosser Schritt! Lieben Gruss, Franz»

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