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Annemarie Geurts hat Heimweh nach der Ferne

Dieser Text wurde am 16. November 2016 im Willisauer Bote veröffentlicht.

EGOLZWIL Annemarie Geurts hat ein Teil ihres Herzens an Afrika verschenkt. Jahrelang hat sie den exotischen Kontinent bereist. Nun wirkt die engagierte Egolzwilerin aktiv in Addis Abeba. «Ilanga» heisst ihr aktuelles Projekt. «Hilfe zur Selbstentwicklung » ist das Motto.
Annemarie Geurts mit Frauen des Projektes Ilanga. Fotos zvg

Ein Freigeist. Auf der Suche nach Weite. Gefunden in den unendlichen Sanddünen der Wüste Algeriens. In der Offenheit der afrikanischen Völker. Im herzhaften Lachen eines Mädchens in den Strassen von Addis Abeba. «Das Elend? Allgegenwärtig», sagt sie. Lacht. Und erzählt von alleinerziehenden Müttern. Vom trockenen Wind in schmutzigen Gassen. Von kräftigen Händen ohne Arbeit. «Lachen», sagt sie, «Lachen bringt Licht in die Dunkelheit solcher Erinnerungen.» Annemarie Geurts faltet die Hände über dem alten Holztisch. «Lebensfreude, würde ich spontan sagen.» Sie runzelt nachdenklich die Stirn «Ja, Lebensfreude und Herzlichkeit.» Diese beiden Eigenschaften bewundere sie an der Kultur Afrikas. Wobei Afrika nicht gleich Afrika sei. «Ticken Italiener und Briten gleich? Eben. Afrika ist ein unglaublich vielfältiger Kontinent», erklärt sie ihren Eltern, als sie 1992, nach 26 Monaten auf Reisen, in die Schweiz zurückkehrt. Im Gepäck: Farbige Tücher, exotische Gewürze und Erlebnisse, die ihr Leben bis heute prägen.

Die Herkunft prägt

Annemarie Geurts, jung, rebellisch und neugierig auf die Welt. Sie absolviert die Lehre als Biologie-Laborantin. Als Jüngste von fünf Geschwistern wächst sie auf einem Bauernhof im bernerischen Mühleberg auf. «Die Herkunft prägt.» Die Natur, das Mithelfen auf dem Hof, die Bodenständigkeit der Leute, «das hat mich geerdet.» Trotzdem ist es früh Zeit, auszufliegen. Annemarie Geurts kündigt ihren Job, nachdem sie die Lehre abgeschlossen hat, geht ein halbes Jahr nach England. Danach zieht sie mit Auto und ihrem heutigen Ehemann Erik los. Die Zeitdauer? Unbeschränkt. Das Ziel? Afrika. Sie reist quer durch den Afrikanischen Kontinent, erlebt Abenteuer, völlig unvoreingenommen. «Was wird hier gekocht?», ist die erste Frage, die sie an neuen Orten stellen. Reiseführer gibt es kaum, denn wer will schon nach Afrika? Annemarie Geurts ist fasziniert. Sie lernt neue Kulturen kennen, erkundet fremde Landschaften, ist begeistert von der Tierwelt und schaut Personen von Hilfswerken über die Schultern. Nach 17 Monaten auf dem afrikanischen Kontinent ist die Reise nicht beendet. Um an Geld zu kommen, verkaufen Annemarie und Erik das Auto. Es folgen sechs Monate Australien und drei Monate in Südostasien.

Zuhause sein

Zurück in der Schweiz, noch nicht angekommen, in Gedanken weit weg. «So lange wie ich auf Reisen bin, so lange brauche ich jeweils, um mich wieder einzuleben.» Annemarie Geurts verspürt Heimweh. Nicht nach der Schweiz. Ihre Sehnsucht gilt Afrika. Nach vier Jahren kündigen Erik und sie erneut den Job. Verbringen sieben Monate unter der heissen Sonne Afrikas, ein Monat Zwischenstopp in Australien, vier Monate auf dem Inselstaat Neuseeland. «Ich gehe nicht unvorbereitet auf Reisen», sagt sie. Sich im Vorhinein über Land und Kultur zu informieren und einen Bruchteil der Lokalsprache zu lernen, sei Pflicht. «Der Kontakt mit der Bevölkerung fällt so viel einfacher.»

Annemarie Geurts will helfen.
Familienferien in der Wüste

Die Zeit verfliegt. 1998 kommt Anouk auf die Welt, zwei Jahre später ihr Bruder Jorid. «Ich bin Mutter, mit Leib und Seele.» Sesshaft in Egolzwil, doch nicht festgesessen. «Ich brauche ein Nest, ein Zuhause, die Familie ist mir wichtig und gibt den nötigen Rückhalt», sagt Annemarie Geurts. In die Ferne zieht es sie trotzdem. Sobald Zeit und Geld vorhanden sind, packen die Geurts die Koffern in den selbst augebauten 4×4 und machen Ferien in der Sahara oder im Süden Afrikas. Mit jedem Besuch wächst die Zuneigung für den vielfältigen Kontinent. Vor eineinhalb Jahren begleitet sie ihre Schwester auf eine Reise mit der Organisation «Green Ethiopia». Eine Reise nach Äthiopien. Zurückhaltend, höflich, arbeitsam: «Die Äthiopier sind den Schweizern erstaunlich ähnlich», sagt Geurts. Die Reise in den Binnenstaat am Horn von Afrika prägt. Weder die fehlende Infrastruktur noch das traditionell ländliche Umfeld geben den Ausschlag. Annemarie Geurts spricht von Menschlichkeit. Versucht Worte zu finden für Zwischenmenschliches. «Das Land ist bitterarm, an Hilfsbereitschaft jedoch unglaublich reich», erklärt sie. «Die Armen helfen den Ärmsten.» Annemarie Geurts will aktiv werden. «Aktiv» – das ist eine Beschreibung, die sie oft im Zusammenhang mit ihrer Person zu hören bekommt. Im Roten Kreuz, bei Amnesty International, bei der Navo Wauwil-Egolzwil, mit Flüchtlingen, beim Aufbau eines Eltern-Schulforums in Egolzwil. Die Aufzählung könnte lange dauern, denn «Stillstand ist Rückschritt». Annemarie Geurts sitzt am massiven Holztisch. Während der Regen an die Fensterscheiben prasselt, erzählt sie vom vielseitigen Äthiopien, vom Feuer neuer Herausforderungen, von ihrem persönlichen Projekt.

Rollstuhl und Kerzen ziehen

«Addis Guzo» ist amharisch und bedeutet übersetzt «Neue Reise – neue Fahrt», bedeutet bessere Lebensbedingungen für Menschen mit Gehbehinderung, bedeutet ein Rollstuhl-Zentrum mitten in Addis Abeba. «Kann ich helfen?», fragt Annemarie Geurts. «Die Kerzenleute könnten Hilfe gebrauchen», ist die Antwort. Die Kerzenleute, will meinen: Neun Männer und drei Frauen im Rollstuhl, die ihren Lebensunterhalt mit Kerzenziehen verdienen möchten. Gesagt, getan. Kurzerhand absolviert Geurts einen Schnupperkurs im Kerzenziehen, um ihr Wissen der Gruppe zu vermitteln. Von Egolzwil nach Addis Abeba, immer wieder zwischendurch, für einige Wochen. Dort koordiniert sie die Gruppe, unterstützt sie und knüpft Kontakte mit der Bevölkerung. «Das war eine intensive Zeit», sagt sie, «doch es hat sich gelohnt.» Ihr «Team» hat Erfolg. Die Nachfrage sei gross, die Zukunft der Mitglieder gesichert. Nachhaltigkeit. Ihr höchster Grundsatz. «Hilfe zur Selbsthilfe oder Selbstentwicklung », nennt sie es.

Den Willen zu verändern

Der Traum von einer heilen Welt, die Illusion von einem Happy End, das Fliehen vor dem Elend. «Ich rate niemandem, zu flüchten», sagt Annemarie Geurts und winkt energisch ab. «Wäre Europa keine Option?», eine Frage, die sie oft zu hören bekommt. «Nein. Da wartet niemand auf euch. Ihr wärd todunglücklich», gibt sie zur Antwort. «Die Menschen sollen sich eine eigene Lebensgrundlage schaffen, um in ihrem Land bleiben zu können.» Geurts hilft ihnen dabei. Besonders am Herzen liegt ihr das neuste Projekt «Ilanga». Mit «Ilanga» unterstützt die Egolzwilerin Frauen in Addis Abeba mit persönlicher Beratung und Mikrokrediten. «Die Frauen stehen an unterster Sprosse der Sozialleiter», sagt sie, «doch sie haben das Potenzial und den Willen etwas zu verändern.» Das Geld soll den Anstoss geben. Wobei die Nachhaltigkeit auch hier zum Tragen kommt. Ein Gespräch macht den Müttern deutlich: Sie müssen das Geld zurückzahlen. «Reuen würds mich nicht», sagt Geurts, «doch die Frauen sollen lernen, sich selbst etwas zu erarbeiten.» Leti Tekest, eine ausgebildete Sozialarbeiterin aus Addis Abeba, übernimmt die lokale Verantwortung des «Ilanga»-Projekts. Annemarie Geurts hat einen gleichnamigen Verein gegründet. Um Geld zu generieren und im rechtlich geordneten Rahmen zu verwalten. Zusätzlich bietet sie Reisen an. Das Programm: Den Alltag einer äthiopischen Familie erleben, Entwicklungsprojekte besuchen, bei einem Bauern das Pflügen erlernen. Zwei Fliegen auf einen Klatsch: «Die Reisenden können ein Verständnis für die fremde Kultur entwickeln und unterstützen gleichzeitig mit ihren Besuchen die verschiedenen Entwicklungsprojekte.» Von solchen Projekten stammen auch die farbigen Schals, die geschnitzten Holzboxen oder natürlich die bunten Kerzen, welche sie am Äthiopien-Basar am 18. November verkauft. Wobei der Erlös in die Vereinskasse von «Ilanga» fliesst. «Geld für meine Frauen», sagt Annemarie Geurts. Sie steht auf. «Ganz ungewohnt, so lange zu sitzen.» Sie zündet eine Kerze an. «Eine besonders schöne Kerze, nicht?»

 

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