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Mit der Vespa bis ans Ende der Welt

Zell Mit der Vespa ans Nordkap? Tolle Idee, finden Paul Wermelinger, Rita Müller und Andreas Herzog. Am Donnerstag geht es los. Mit einer interessanten Route im Kopf, der Abenteuerlust im Herzen und dem Reparaturkasten im Gepäck.
Von links: Andreas Herzog, Rita Müller und Paul Wermelinger. Foto Chantal Bossard
 

«Ihr spinnt doch» – bekommen Paul Wermelinger (57), Rita Müller (47) und Andreas Herzog (59) öfters zu hören. Dazu ein ungläubiges Lachen. Wieso? Die drei Clubmitglieder des Vespaclubs Zell wollen mit der Vespa an das Nordkap und zurück. «Etwas verrückt sind wir schon», sagt Paul Wermelinger. Verrückt nach dem Abenteuer, der Natur, den Vespas. Der Blick auf die eisige, scheinbar endlose Nordsee, der kalte Fahrtwind auf der Haut und die brummende Vespa unter dem Arsch: «Freiheitsgefühl pur», findet Rita Müller.

Am Tor zum Ende der Welt

Noch sitzen die beiden Vespa-Liebhaber Paul Wermelinger und Rita Müller zusammen im warmen Wohnzimmer in der Blockwohnung der Lehnstrasse 7, Zell. Ihre Augen strahlen, wenn sie von der bevorstehenden Vespa-Reise sprechen. Am nächsten Donnerstag, 25. Mai, startet das Abenteuer, welches einen Monat dauern wird. In Gedanken sind beide längst auf Tour. Zuerst fährt das Trio nach Lörrach. Dort werden die Vespas auf einen Nachtzug nach Hamburg verladen. Von da geht es nach Travemünde, von Travemünde mit der Fähre nach Helsinki. Anschliessend beginnt die Fahrt mit der Vespa durch Finnland, mit kurzem Abstecher Schweden, dem hohen Norden entgegen. Vorbei an grünen Wäldern, tiefblauen Seen und roten Holzhäusern. Kilometer für Kilometer, ziemlich zügig. Um dann andächtig innezuhalten, den schier endlosen Horizont vor den Augen, die Ruhe der Natur im Herzen. 71° Nord, das mystische Nordkap. Genau da, am Tor zum Ende der Welt, hat Paul Wermelinger vor drei Jahren einen Kleber entdeckt. «Vespa Club Ticino», stand darauf. Er beschloss: «Da kommt der Kleber des Vespaclubs Zell auch noch hin!»

Abwechslung im Leben

Damals waren Paul Wermelinger und Rita Müller bereits zum dritten Mal mit dem Motorrad am Nordkap. «Der Norden fasziniert uns», begründet Paul Wermelinger das Reiseziel. Trotzdem war nach dem dritten Mal Zeit für etwas Neues. Denn: «Abwechslung macht das Leben reich.» Vor knapp zwei Jahren kam beim kühlen Bier die zündende Idee: Das Reiseziel soll bleiben, der fahrbare Untersatz ändern. «Mit dem Wäschpi ans Nordkap! Wieso hatten wir den Gedanken wohl nicht schon früher?»
Zwei Leidenschaften, eine Reise, rund 6000 Kilometer Fahrt. «Noch nie sind wir eine so weite Strecke mit der Vespa gefahren», sagt Rita Müller.

Ein Kult auf zwei Rädern

Reisen mit der Vespa ist für das Trio dennoch kein Fremdwort. Alle zwei Jahre geht es mit dem Vespaclub Zell auf eine zehntägige Reise. Ob Italien, Griechenland oder Frankreich: «Unterschätz unsere Wäschpis nicht! Damit kommt man nicht bloss zum nächsten Dorfladen!», betont Paul Wermelinger. Er muss es wissen, schliesslich half er vor 36 Jahren mit, den Vespaclub Zell zu gründen. Anfangs sei das kein Kinderspiel gewesen. Ob Platten, gerissene Kupplungskabel oder Motorschäden: «Unsere Reisen endeten oft früher als gewollt.» Heute hat der Zeller den Reparaturkasten immer im Gepäck und weiss genau, wie er mit den eigensinnigen Fahrzeugen umzugehen hat.

Spricht Paul Wermelinger von den Vespas, so strahlt er über das ganze Gesicht. «Ja, was soll ich sagen? Die Vespa ist einfach der Kult auf zwei Rädern.» Eine italienische Charmeurin im farbigen Blechkleid unvergänglicher Jugendlichkeit. Viva la Vespa! Dieses südländische Lebensgefühl will das Trio mit in den hohen Norden nehmen. Nach dem Nordkap fängt die Reise erst wirklich an. Wohin es geht, zeigen die beiden Zeller auf der gros­sen Karte, die im Wohnzimmer hängt. Mit rotem Klebstreifen ist die ganze Route markiert. Der Weg führt an der Westküste Norwegens entlang über Vesteralen und Lofoten Richtung Bergen, Oslo. Ab und zu mit einer Fähre, der Rest mit der Vespa. Das Motto der lebensfrohen Gruppe? «Der Weg ist das Ziel».

Weg vom Alltag

Während dem Monat unterwegs wollen sie nicht etwa im Hotel übernachten. «Wir schlafen im Zelt oder in Camping-Hütten», sagt Rita Müller bestimmt. Bereits mit dem Motorrad hätten sie das so gemacht. Regen, Wind und Schnee? «Nehmen wir in Kauf», sagt Rita Müller. «Auch schon haben wir am Morgen danach unsere Namen in den Schnee auf den Motorradsitzen geschrieben.» Wieso sie sich das antun? «Wir erleben die Natur viel näher und nehmen mehr Abstand vom Alltag zuhause.» Paul Wermelinger ergänzt: «Solche Reisen zeigen, mit wie wenig wir zurechtkommen können.»

Gekocht wird mit Feuer oder einem kleinen Gaskocher, gegessen hauptsächlich Fisch. Das freut Wermelinger ganz besonders, denn Angeln ist sein zweites grosses Hobby. Dieses einfache Dasein im Einklang mit der Natur – das gefällt den dreien. «Wir passen uns der Umgebung an, nicht umgekehrt», sagt Wermelinger.

Der Vorteil ihres Reisedatums: Es ist dank der Mitternachtssonne immer hell. «Ich vergesse jeweils völlig die Zeit», sagt Rita Müller. Und das sei gut so. Steigt sie am Donnerstag auf ihr weisses Wäschpi, gebe es keine Hektik, kein Stress, keine Verplichtungen mehr. Dann existieren nur noch die brummenden Vespas unter dem Arsch. Das Abenteuer im Herzen. Und die beeindruckende Natur des Nordens im Blick. «Wir spinnen nicht», sagt Paul Wermelinger. «Wir leben.»

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