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„Es braucht den Sprung ins Ungewisse“

SCHÖTZ Die Band «Vsitor» hat ihre zweite CD am Start und eine Europatour in Aussicht. Mit dabei: Die gebürtige Schötzerin Lea Maria Fries. Mit dem WB spricht sie über ihr Band-Trio, selbst gebaute Instrumente und das Luzerner Hinterland.
Die Band Vsitor, in der Mitte Sängerin Lea Maria Freis. Foto zvg
 
Die erste CD von «Vsitor» wurde veröffentlicht, kurz nachdem Sie von Luzern in die deutsche Metropole Berlin gezogen sind. Nun ist das zweite Werk «Holakòt» am Start, knapp zwei Jahre später. Wie hat «Vsitor» sich musikalisch entwickelt?

Nachdem mein Bandkollege David Koch und ich von Luzern nach Berlin gezogen sind, haben wir uns gänzlich der Musik verschrieben. Ständig arbeiteten wir an unseren Songs. Zusammen mit unserem Schlagzeuger Valentin Liechti tourten wir auf eigene Faust quer durch Europa. Dadurch sind wir als Trio zusammengewachsen. Diese Harmonie wirkt sich auch auf unseren Sound aus. Die Songs auf der neuen CD sind im Vergleich zur ersten CD einheitlicher. Die Lieder klingen weniger «produziert», sondern von Herzen, warm und lebendig. Das liegt nicht zuletzt am inspirierenden Klima Berlins. Die deutsche Metropole ist ein Treffpunkt von Kunst- und Kulturschaffenden.

Braucht es den Sprung ins Un­gewisse, um Inspiration zu finden?

Ja, den braucht es. Wir sind eine Band, die keine Distanzen scheut, um unseren eigenen Weg zu finden. Es schadet niemandem, seine Komfortzone zu verlassen. Wenn ich mich in einer neuen Umgebung frisch orientieren muss, stelle ich mir wichtige Fragen. Wer bin ich, was will ich, was mach ich hier? Diese Gedankengänge inspirieren.

Auch für die zweite CD von «Vsitor» habt ihr einen Sprung in das Ungewisse gewagt.

Wir tüftelten, spielten und entwarfen zahlreiche Songideen in Berlin. Im letzten März reisten wir mit einem beachtlichen Haufen Songskizzen für zwei Wochen nach Island, um dort während einiger Tage in totaler Abgeschiedenheit alles zu sortieren und den letzten Schliff zu geben. Anschliessend schrieben wir die besten Ideen zu Ende. Die gewaltige Natur Islands beeinflusste unser Schaffen. Die Songs wurden tiefgründiger. In der zweiten Hälfte unseres Island-Aufenthalts nahmen wir die fünf besten Songs in den legendären Greenhouse Studios auf. Dort haben bereits bekannte Künstler, wie etwa Sigur Ros, Björk, The XX, ihre Werke aufgenommen. So entstand unsere zweite CD «Holakòt».

Sie haben eine Ausbildung an der Jazzabteilung der Hochschule Luzern – Musik mit dem Master «Gesang und Performance» hinter sich. Welchen Einfluss hat Jazz im Schaffen von «Vsitor»?

Valentin, David und ich waren alle drei an der Jazzschule. Dadurch sind wir handwerklich breit ausgebildet. Die Ausbildung lässt viele Optionen offen, in musikalischer Hinsicht scheint alles möglich. Mit dieser Freiheit umzugehen, ist nicht einfach. Wir drei betrachten die Musik relativ offen – es gibt kein bestimmtes Muster, nach dem ein Song ablaufen muss. Unser Sound hat nicht mehr viel mit Jazz zu tun. Es ist schwierig, «Vsitor» einem klaren Stil zuzuordnen. Die Instrumentierung und die Auswahl der Songs sind zu eigenwillig. Am ehesten würde ich uns dem «Indie-Pop» zuordnen.

Indie-Pop heisst indipendent Pop, bedeutet unabhängiger Pop. Doch wie unabhängig, frei und ungebunden ist euer Sound nebst all den anderen, mittlerweile zahlreichen Indie-Pop-Bands noch?

Unsere Klangästhetik ist einzigartig. David überzeugt mit speziellen Gitarrenparts und Sound von selbst gebauten, elektronischen Instrumenten. Wir arbeiten nicht mit ganz normalen Synthesizern, sondern haben eigene entwickelt. Das alles sorgt für einen einmaligen Klangkosmos.

Fragile Gitarrenparts, sirrende Synthesizer und selbst gebaute elektronische Instrumente. Darüber Ihre Stimme, mal flüsternd, mal laut. Musik für das Individuum oder für die Massen?

(lacht) Die Massen dürften noch mehr werden. Wenn ich höre, was auf SRF oder Radio Pilatus läuft, so sind wir noch weit davon entfernt, die Massen zu begeistern. Unser Sound ist halt keine «Radio-Musik», kein kommerzieller Pop. Doch wir lieben, was wir machen. Das ist das Wichtigste.

Ist es Sound der Kopfhörer oder der Konzerthallen?

Uns live zu erleben, berührt sicherlich mehr. Das Publikum kann sehen, wie wir harmonieren und Spass an unserer Sache haben. Es wird viel mehr Energie vermittelt. Anderseits kann man sich mit Kopfhörern dem verträumten Sound hingeben und in die Musik abtauchen. So hat beides seine Vor- und Nachteile.

Ob Budapest, Prag oder Stuttgart: Mit der Release-Tour sind Sie ständig auf Achse. Wo finden Sie wieder zur Ruhe?

Ich komme regelmässig wieder zurück in das Luzerner Hinterland. In Reiden gebe ich Gesangsunterricht. In meinem Heimatort in Schötz kann ich Kraft und Ruhe tanken, reiten, spazieren und die Natur geniessen. Dieser Rückzug ist unglaublich wertvoll. Oft kommen mir dabei Ideen für neue Songs.

Mit dem Ende der Tour stehen Sie nach wie vor am Anfang Ihrer Musikkarriere. Wo wird dieser Weg hinführen?

Ich mache mir keine unrealistischen Illusionen. Wenn es so weitergeht wie bisher, bin ich zufrieden. Viele Konzert-Anfragen wären toll. Hauptsache wir können spielen.

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