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Kino cinebar: Der kleine Rebell auf dem Lande

Willisau 70 Jahre «cinébar»: Wie das Landkino gestern funktionierte, warum es heute noch rentiert und weshalb es morgen noch da sein wird.
Beat Bossert in seinem Kino cinebar. Foto Chantal Bossard


Menzbergstrasse 5, 6130 Willisau. Bescheiden, gar unscheinbar, aber vor allem beharrlich. Ein stiller Rebell gegen den Lauf der Zeit: Das einzige Landkino im ganzen Kanton. Die «cinébar» überzeugt nicht mit riesigen Leinwänden, nicht mit grosser Auswahl an exotischem Fingerfood und nicht mit knalligen Werbetafeln für den neuen Hollywood-Blockbuster. «Cinébar» überzeugt mit Charme – seit stolzen 70 Jahren.

«Füdlifilme» statt Kinosterben

Ein Blick zurück in die jüngere Vergangenheit: Der ehemalige Adlerwirt Xaver Bossert kauft das Kino Mohren anno 1980 – just als eine schwere Zeit für die sogenannten «Tonfilmtheater» beginnt. Hochdorf, Wolhusen, Reiden: Überall sterben aufgrund der aufkommenden VHS-Technik die Kinos auf dem Lande. Trotz Eintrittseinbussen kommt Aufgeben für Xaver Bossert nicht infrage. Von 196 auf 61 Sitzplätze: Durch die Schliessung des Parterres entsteht leerer Raum, den er vermieten kann (heute Menzo Kebab). Er ergänzt den Kinobetrieb mit einer Videothek und startet gar einen Versuch mit den Erotik-Nocturnes – jeweils Samstagabend um 23 Uhr, ab 18 Jahren.

An diese sogenannten «Füdlifilme» mag sich sein Sohn noch gut erinnern. «Ich selbst war noch zu jung, um die Vorstellungen zu besuchen, musste jedoch am Eingang die Ausweise kontrollieren», sagt Beat Bossert und schmunzelt. «Ganz verschämt kamen sie angeschlichen, meist etwas zu spät. Um dann noch vor dem Filmabspann schon wieder zu verschwinden.»

Im Jahr 1999 entschliesst sich Beat Bossert, das Kino von seinem Vater zu übernehmen. «Anfangs verpflichtete ich mich immer nur für ein Jahr. Jeweils Ende Sommer entschied ich, ob ich es nochmals durchziehe oder nicht.» Die ersten Jahre ist er auf zahlreiche Nebenjobs angewiesen, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Investieren statt kapitulieren

2011 steht Beat Bossert vor der schwersten Wahl seit der Übernahme. Mit der Digitalisierung kommen die digitalen Filme. Dabei sind diese nicht wie anhin auf Rollen, sondern auf einer Festplatte gespeichert. Für die nötige Umrüstung müssen rund 100 000 Franken investiert werden. Im gleichen Jahr wird Bossert von der Stiftung «Luzern – Lebensraum für die Zukunft» für sein engagiertes Kulturschaffen – sprich Erhalten des einzigen Luzerner Landkinos – mit einem Preisgeld von 10 000 Franken ausgezeichnet. «Das war ein willkommener Zustupf und eine enorme Motivation weiterzumachen.» Dank der Unterstützung von Personen, die auf seine Not aufmerksam wurden und einem Beitrag vom Bundesamt für Kultur bringt Beat Bossert die neue digitale Technik in sein Kino. Er hat gekämpft und gewonnen. «Es ist mein Grind, mein Chnöpugrind», sagt er. «Ich bin es mir gewohnt, etwas durchzustieren, gebe mich selten zufrieden und finde immer etwas, was man besser machen könnte.» Vermietungen, DVD-Shop, Events und vieles mehr: Er lässt nichts unversucht. Bossert baut die Räume weiter aus, streicht die Wände, erstellt ein Kino-Foyer, die «cinébar» entsteht.

Heimatfilme statt Mainstream

Seine harte Arbeit wird belohnt: «Am Anfang waren es vier bis fünf Personen durchschnittlich am Tag, heute sind es deren 15 bis 20.» Davon sind 80 Prozent Stammkunden, die meisten kennt er beim Namen. Es sind die Einwohner der Region, Kinder, Familien und die ältere Generation. Auf dieses Publikum richtet er das Kinoprogramm aus. «Die neusten Mainstream-Streifen kommen hier schlecht an. Die jungen Leute wollen sich diese Filme in den grossen Multiplexkinos der Stadt ansehen.» Beat Bossert spielt in seinem Kino «anspruchsvollen Kommerz», wie er es nennt. Gut ankommen würden besonders Dokumentar- oder Heimatfilme. «‹Die Kinder vom Napf› war bei mir wochenlang ein Renner – ich war etliche Male ausverkauft!» Für ihn gebe es nichts Schöneres, als wenn er die Besucherinnen und Besucher in der Pause oder am Ende des Filmes im Foyer auftauchen sehe – «sie erscheinen wie aus einer anderen Welt, noch ganz verzaubert».

Standhaft statt schnelllebig

Die anschliessenden begeisterten Rückmeldungen seien sein grösster Lohn. «Wenn die Besucher hingegen vom Film enttäuscht sind, möchte ich ihnen am liebsten das Geld zurückerstatten.» Schliesslich wird jeder einzelne Film im Programm – ungefähr 35 bis 40 durch das ganze Jahr – von ihm sorgfältig ausgewählt. Die Entscheidungen fallen ihm nicht immer leicht: «Im Frühling und Herbst erscheinen so viele tolle Filme. Ich muss mich jeweils auf einen einzigen beschränken.» Es sind diese Momente, in denen sich Beat Bossert einen zweiten Saal wünscht. Sowieso: Ideen, «Spinnereien», wie er es nennt, hätte er zuhauf. Etwa der Kleinkunst, Comedy, dem Theater eine Bühne zu geben. An erster Stelle stehe aber das Kino. Doch hat jenes in Zeiten von Netflix und Co überhaupt eine Zukunft? «Natürlich», sagt Beat Bossert. Er ist überzeugt, dass die Leute immer mehr das zu schätzen wissen, was er anbietet. Etwas Standhaftes in der schnelllebigen Zeit. Ist dem so, wird es noch lange an der Menzbergstrasse 5 in Willisau stehen: das einzige Landkino vom Kanton. Bescheiden, gar unscheinbar, beharrlich. Mit Charme.

 

«Tonfilmtheater Mohren»: Geschichte

Das erste Gesuch für die Erstellung und Führung eines Kinotheaters wird 1946 vom Kreuzwirt Julius Bucher und dem Fotografen Josef Kneubühler eingereicht. Geplant ist ein Anbau des Kreuzsaals mit 196 Plätzen. Im gleichen Jahr erhalten die beiden Gesuchsteller Konkurrenz von weiteren Interessenten. Ihr Anwalt führt ins Feld, dass seine Klienten «alteingesessenen Familien [entstammen]. Ihre Vorfahren sind Schweizerbürger seit Menschengedenken. […] Beide sind währschafte Luzerner und bodenständige Hinterländer» und dass sie somit, anders als bei der Huttwiler Mitbewerberin «mit Land, Leuten und Verhältnissen vertraut sind» (1).

Die Baubewilligung und später die Spielkonzession geht schlussendlich an den Willisauer Leo Grüter, Metzgermeister und Grossrat. Am 17. Oktober 1947 läuft das US-amerikanische Filmdrama «Blüten im Staub» von Mervyn LeRoy als Eröffnungsfilm im neu gebauten Kinogebäude Mohren an der Menzbergstrasse 5. Auch das 196 Plätze umfassende Kino Mohren unterliegt den aufwendigen und bisweilen bizarr anmutenden Zensurbestimmungen. So weisen die Behörden die Betreiber in einem Fall darauf hin, dass die Plakate für den Film «Ministry of Fear» von Fritz Lang «nur unter der Bedingung für den Aushang freigegeben [werden], dass Sie die Schusswaffe in der rechten untern Ecke irgendwie verdecken» (2).

Auch in Willisau wechselt das Kino in der Folge häufig den Besitzer. Die Bülacher Kinounternehmer «Stillhard & Söhne» übernehmen 1950, wobei die Konzession erst übertragen wird, als Bruno Stillhard den Heimatschein auf der Kanzlei deponierte und sich vorerst im Hotel Hirschen einquartierte. Die strikten Lichtspielgesetze bekommen er und der ein Jahr später folgende neue Betreiber Hugo Hindermann auch zu spüren: Anzeige wegen Einlassgewährung Minderjähriger, Rüge wegen zu später Zensureinholung oder Zensurbestimmungen auch für die «Kulturfilme» der Volkshochschule. 1956 erhält Hedy Werthmüller die Spielkonzession, aber erst nachdem ihr ein Leumundszeugnis bescheinigt, dass sie «unschuldig geschieden [wurde], da ihr Mann nicht arbeiten wollte» (3). Über zwei Jahrzehnte betreibt Fr. Werthmüller das Kino Mohren offenbar erfolgreich, bis sie es 1980 dem Willisauer Xaver Bossert verkauft.

Auszug aus: Heimatkunde des Wiggertales Nr. 73 von 2016; Andrea Zimmermann, «Lichtspielhäuser auf der Landschaft»; S. 66 ff

(1) Bewilligungsgesuch des Rechtsanwalts Franz Mosers an den Regierungsrat, datiert 24.04.1946, Staatsarchiv Luzern (Signatur A 1195/698).

(2) Schreiben an den Kinobetreiber Leo Grüter, datiert 09.04.1948, Staatsarchiv Luzern (Signatur A 1195/698).

(3) Rapport vom Polizeikommando des Kantons Luzern, datiert 13.04.1956, Staatsarchiv Luzern (Sig­natur A 1195/699).

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